Volle Messehallen, knappe Auflagen: zwei Seiten der Branche

Die Brettspielbranche boomt. Zumindest legt die Entwicklung der Spiel Essen diesen Eindruck nahe: Erstmals ist das gesamte Messegelände mit allen acht Hallen belegt, und Veranstaltungen wie die presseöffentliche Verleihung des Deutschen Spiele Preises müssen nun in die benachbarte Grugahalle ausweichen.

Halle 8

Noch herrscht sommerliche Ruhe in Essen: Der Ausstellungsbereich der Spiel wird vom 22. bis 25. Oktober erstmals auch Halle 8 umfassen.

Die neu in die Ausstellung einbezogene Halle 8 ist längst belegt, zumeist von Verlagen, die ihre Fläche vergrößern wollen. Das sind starke Signale, doch der Erfolg der Messe bedeutet nicht automatisch, dass es allen Verlagen wirtschaftlich gut geht. Denn die Konkurrenz im Brettspielmarkt ist enorm. Laufend kommen neue Verlage hinzu, und die Zahl der Neuerscheinungen wächst deutlich. Allein im deutschsprachigen Raum ist die Zahl der neuen Titel in den vergangenen Jahren um rund 50 Prozent gestiegen – Erweiterungen und Varianten bereits bekannter Spiele noch gar nicht eingerechnet. Für Verlage hat das Folgen: Neue Spiele bleiben häufig nur kurz im Handel sichtbar. Deshalb werden die Auflagen immer vorsichtiger kalkuliert, um das Risiko zu reduzieren.

Dito!: Ausgezeichnet, aber kaum erhältlich

Ein Beispiel ist das Spiel Dito!, über das die FAZ im Juli berichtete: Es sei mit einer Auflage von gerade einmal 4000 Exemplaren erschienen. Das ist für ein Spiel dieser Qualität – die es ungeachtet der Auszeichnung als Spiel des Jahres 2026 zweifellos besitzt – außerordentlich wenig.

Martin Ang

Bei der Verleihung des Spiel des Jahres wird Dito! gefeiert: Doch die Lieferketten machen das Warten darauf, das Spiel im Geschäft kaufen zu können, zur Geduldsprobe.

Schon im Juli war der Titel bei kaum einem Einzelhändler mehr erhältlich, und die ursprünglich für August angekündigte Nachlieferung verschiebt sich immer weiter. Das ist auch dem Comedian Till Reiners aufgefallen, der erfolglos versuchte, in seinem Brettspielgeschäft ein Exemplar von Dito! zu erwerben. Moritz Neumeier, Reiners’ Partner im ARD-Podcast „Talk ohne Gast“, zeigte sich deshalb besorgt: „Jetzt hoffe ich, dass die Leute Dito! nicht wieder vergessen auf dem Weg.“

Diese Sorge konnten die beiden jedoch wieder zerstreuen. Denn die Auswahl der Jury Spiel des Jahres sei wie ein „Michelin Guide für Brettspiele“ und die Preisträger wie ein „Sternerestaurant“, waren sich Neumeier und Reiners einig.

Verpasste Verkaufschancen und lange Lieferwege

Dass viele Kundinnen und Kunden noch einmal wiederkommen werden, um ihr Dito!-Exemplar zu kaufen, ist sicherlich richtig. Doch nicht wenige gehen eben verloren. Und dass bereits viele Sommerpartys mit potenziellen Dito!-Runden verstrichen sind, ist überaus schade.

Hallo 5

Die Spiel rechnet mit steigenden Besucherzahlen: Erstmals wird der am Rand des Grugaparks gelegene Nordeingang der Halle 5 geöffnet.

Der schweizerische Verlag Game Factory, der Dito! im deutschsprachigen Raum verlegt, geht mit der Nichtlieferbarkeit in den sozialen Medien offen um. Dort gibt er den irreführenden Tipp, die Spiele Frantic, Quork oder Stadt Land Flip zu kaufen, um die Zeit zu überbrücken – drei Spiele, die mit Dito! leider kaum etwas gemein haben und hinsichtlich der spielerischen Qualität überhaupt nicht vergleichbar sind.

Statt in Europa, wo beispielsweise das für das Spiel des Jahres nominierte Morty Sorty produziert wird, lässt Game Factory in China fertigen. Das ist einerseits billiger, andererseits bedeutet es lange, klimaschädliche Transportwege entlang diverser Krisenregionen – und damit ein erhöhtes Risiko von Verzögerungen.

Frosted Games setzt auf einen finanzkräftigen Partner

Auch Frosted Games lässt in China produzieren. Der Bayreuther Verlag hat nun nach Endeavor: Die Tiefsee mit dem Titel Rebirth zum zweiten Mal in Folge beim Kennerspiel des Jahres gewonnen. Im vergangenen Jahr lief der Nachschub gar nicht gut: Auf der Spiel Essen war kein einziges Exemplar von Endeavor: Die Tiefsee vorhanden – man konnte es weder ausprobieren noch kaufen. Ein Trauerspiel.

Halle 6

Volle Hallen in Essen: Blick in Halle 6 während der Spiel 2025.

Damals hatte Frosted Games den Verlag Board Game Circus aus Bad Krozingen als Partner mit an Bord. In diesem Jahr geht man einen anderen Weg und holt sich Vertriebsunterstützung bei einem sehr finanzkräftigen Partner: Asmodee. Es gibt also gute Gründe anzunehmen, dass die Verfügbarkeit auf der Spiel 2026 in Essen gesichert ist.

„Essen spielt!“: Die Messe wird zum Stadtprojekt

Bereits jetzt, Ende August, sind die Eintrittskarten für Freitag und Samstag der Spiel zu mehr als 50 Prozent ausverkauft. Der Standort mitten im Ruhrgebiet mit seinem riesigen Einzugsbereich erweist sich erneut als optimal. Spiel-Chefin Carol Rapp betont dies immer wieder.

Zug der TRI

Eine Vollsperrung bei Duisburg schneidet Essen vom Fernverkehr aus Richtung Süden ab: Die Bahngesellschaft TRI soll mit dem RE 100 für etwas Entlastung sorgen.

Ihr ist es nun auch gelungen, einen Draht zur Stadtspitze herzustellen. Unter dem Motto „Essen spielt!“ gibt es erstmals ein Partnerprogramm unter Einbeziehung der Stadtverwaltung und der Messe Essen. Dazu gehören Spieleabende im Rathaus, auf dem Baldeneysee und im Red Dot Design Museum.

Die größte Schwachstelle des Standorts Essen ist zumeist die Verkehrsanbindung. Das ist allerdings kein exklusives Problem des Ruhrgebiets. Auch die KoelnMesse mit der Gamescom leidet unter einer baustellenbedingten Bahnsperrung zwischen Düsseldorf und Köln.

Nachdem Essen im vergangenen Jahr glimpflich davongekommen ist, kommt es 2026 wieder einmal knüppeldick: Autobahnbauarbeiten im Kreuz Kaiserberg sorgen für eine Vollsperrung zwischen Duisburg und Oberhausen beziehungsweise Mülheim. Damit ist Essen insbesondere vom Fernverkehr aus Richtung Süden abgeschnitten.

Die Fahrgäste müssen entweder auf Busse umsteigen oder ab Düsseldorf die S-Bahn-Linie 6 nutzen. Sie verkehrt im 20-Minuten-Takt, am Wochenende im 30-Minuten-Takt, über die teils eingleisige Verbindung via Ratingen. Immerhin wird die S 6 in diesem Oktober erstmals durch einen stündlich verkehrenden RE 100 verstärkt, der ohne Zwischenhalt zwischen Düsseldorf und Essen pendelt.

Hoffnung auf eine entspanntere Spiel 2027

Für das kommende Jahr gibt es jedoch Hoffnung: Die anstehende Generalsanierung der Bahnstrecke durch das Ruhrgebiet soll mit Beginn der Herbstferien abgeschlossen sein. Dann könnte die Spiel Essen ausnahmsweise ohne größere Streckensperrungen stattfinden.

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